Vereins Historie



"Frisch, Frei, Stark, Treu"

Geschichte eines RegensburgerArbeitersportvereins  


01. Die Gründung
02. Die Arbeitersportbewegung in Deutschland
03. Die Regensburger "Freie Turnerschaft" nach dem 1. Weltkrieg
04. Bürgerlicher Sport und Arbeitersport
05. Frauen und Arbeitersport
06. Das Regensburger Arbeiter- Sport- und Bildungskartell
07. Feste
08. Arbeiterfußball und Sozialismus
09. Sport und Politik I
10. Sport und Politik II
11. Behinderung und Schikanen für Arbeitersportler
12. Körperliche Erziehung der Jugend
13. Das Jahr 1933
14. Wiedergründung nach 1945




Die Gründung:

Die Geschichte des Freien Turn- und Sportvereins Regensburg nahm am 15. Juni 1911 ihren Anfang. Damals kamen Turner des schon bestehenden Männerturnvereins und anderer Vereine zusammen, um einen Arbeiterturnverein zu gründen. Die »Freie Turnerschaft Regensburg«, wie der Verein damals zunächst genannt wurde. Die Gründungsversammlung, der u. a. Hans Seidinger, Hermann Buchhauser, Karl Reichl, Josef Gregori, Josef Schmalzbauer und Albert Bertl angehörten, wählten Ludwig Ehrensberger zum 1. Vorstand und Josef Gregori zum 1. Turnwart - beide waren bereits zuvor im Männerturnverein aktiv gewesen.

Die sportlichen Aktivitäten des Vereins beschränkten sich zunächst auf Turnen und Leichtathletik, doch konnte der Verein hier bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs einen beachtlichen Aufschwung verzeichnen. Der Kriegsausbruch im August 1914 bereitete der erst drei Jahre zuvor gegründeten »Freien Turnerschaft« jedoch ein jähes Ende. Die aktiven Turner mussten einrücken und der Turnbetrieb eingestellt werden.


Die Arbeitersportbewegung in Deutschland:

Gleich bei seiner Gründung im Jahre 1911 trat der Regensburger Arbeiterturnverein dem Arbeiter-Turner-Bund (ATB; ah 1919 Arbeiter- Turn- und Sport-Bund, ATSB) bei und reihte sich damit auch organisatorisch in die deutsche Arbeitersportbewegung ein. Die Anfänge der deutschen Arbeitersportbewegung lagen bereits in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Da die bürgerliche »Deutsche Turnerschaft« (DT) auf den politisch-ideologischen Kurs Bismarcks einschwenkte, d. h. auch den Kampf gegen die Sozialdemokratie unterstützte, sahen sich klassenbewusste Arbeiter gezwungen, den Vereinen der »Deutschen Turnerschaft« fernzubleiben und ihre eigenen Turnvereine, zunächst innerhalb der damals entstehenden Arbeiterbildungsvereine, zu gründen. Der Ursprung der Arbeitersportvereine aus den Arbeiterbildungsvereinen macht deutlich, wie sehr sich der Arbeitersport als Teil der Arbeiterkultur- und Bildungsbewegung verstand, die, von einem humanistischen Ideal getragen, die umfassende geistige und körperliche Bildung der Arbeiter anstrebte, um sie so für ihren politischen Kampf vorzubereiten.

Scharf grenzte sich der Arbeitersport vom bürgerlichen Sport ab. Während im bürgerlichen Sport der individuelle Kampfrekord, der sportliche Konkurrenzkampf einzelner und von Mannschaften betrieben wurde, auch im Hinblick auf die militärische Erziehung der Jugend, wandte sich der Arbeitersport gegen individuelles Rekordstreben. Die Pflege der Körperkultur, spielerische Geselligkeitsübungen und demonstrative, z. T. agitatorische Massenübungen, die das Miteinander, auch über nationale Grenzen hinaus, betonten, standen im Vordergrund. So erlaubte der ATSB erst nach dem 1. Weltkrieg Wettkämpfe mit anderen, eingeladenen Vereinen.

Eine Herauslösung der Arbeiterturnvereine aus den Arbeiterbildungsvereinen war erst nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes (1890) möglich geworden. 1893 versammelten sich in Gera die Delegierten von 51 Arbeiterturnvereinen, die insgesamt 3556 Mitglieder umfassten, und gründeten dort den deutschen Arbeiter- Turnerbund. Noch im gleichen Jahr wuchs die Zahl der Mitglieder auf über 10 000 an, als die Regensburger »Freie Turnerschaft« dem ATB beitrat, waren es bereits fast 170000 Arbeiterturner und als der Bund 1933 von den Nationalsozialisten aufgelöst wurde, waren es über eine Million. Eine beachtliche Zahl, wenn man bedenkt, dass die Vereine des ATB/ATSB, der sich zu den Zielen des Sozialismus bekannte und eng mit der SPD und den Gewerkschaften zusammenarbeitete, wegen seiner politischen Programmatik gegen behördliche Einschränkungen und Schikanen zu kämpfen hatte.

Zu einem wichtigen Zentrum der Arbeitersportbewegung wurde Leipzig. Hier befand sich nach 1918 die Bundeszentrale, und seit 1926 eine Bundesschule, in der Turnwarte und Vorturner, Frauen- und Kinderturnwarte sowie Sportwarte für alle Sportarten ausgebildet wurden. Hier erschien im Gründungsjahr des ATB zum ersten Mal die Arbeiterturnzeitung, und hier befand sich auch der Arbeiterturnverlag, der u. a. Hefte und Bücher über Sport, Liederbücher, und die »Freie Sportwoche, Zeitschrift für Fußball, Leichtathletik und Turnen« herausgab. Auch Turn- und Sportkleidung, Spiel- und Sportgeräte konnte man über des Arbeiterturnverlag beziehen.

Die Arbeitersportbewegung war also eine umfassende, gut organisierte Bewegung, deren Blütezeit in der Weimarer Republik auch in Regensburg ihre Spuren hinterließ.


Die Regensburger "Freie Turnerschaft" nach dem 1. Weltkrieg:

Schon bald nach dem Ende des Krieges kamen die überlebenden Turner der »Freien Turnerschaft», mit denen der damalige Kassier Karl Reichl die ganze Kriegszeit hindurch den Kontakt aufrechtzuerhalten versucht hatte, zusammen, um den Turnbetrieb wieder aufzunehmen - schon im Januar 1919 konnten sie die Wiederaufnahme der regelmäßigen Turnabende ankündigen. Die einsetzende intensive Werbung um neue Mitglieder war offenbar schnell erfolgreich; noch im selben Jahr konnte die erste Fußballabteilung des Vereins gegründet werden. Damit wurde die Frage eines eigenen Sportplatzes wieder akut. Vor dem 1. Weltkrieg hatte man im Sommer zunächst auf einem Gelände des Regensburger Konsumvereins - eine wichtige Institution der Arbeiterselbsthilfe - an der Donaustaufer Strasse, dann auf einer gepachteten Wiese am Brunnweg geturnt und Leichtathletik getrieben. Nach dem Krieg stand den Fußballern zunächst nur der Hochweg (die so genannte Penalwiese) zur Verfügung, während die Turner wie seit 1911 in der Augustenschule trainierten, die ihnen damals die Stadt Regensburg als Trainingsraum zur Verfügung gestellt hatte. 1920 gelang es endlich wieder ein geeigneteres Gelände für den Sommersportbetrieb zu finden: Am 29. Juli konnten der damalige 1. Vorsitzende Josef Schmalzbauer, Jakob Deubler (1. Turnwart) und Albert Bertl (Kassier) den Pachtvertrag für die »Kuhwiese«, wie die Schillerwiese in diesem Schriftstück bezeichnet wurde, unterzeichnen. Bald waren die Pläne für ein eigenes Vereinshäuschen, mit Umkleideräumen für Frauen und Männer sowie für die Jugend und für eine Umzäunung des Geländes fertig, und nun hieß es »anpacken« für alle aktiven und passiven Mitglieder der »Freien Turnerschaft«, denn das neue Vereinshaus musste aus eigener Arbeit entstehen. 1922 war es dann endlich soweit: Die »Kantine« an der Schillerwiese konnte in Betrieb genommen werden, nachdem man schon im Jahr zuvor dort zu trainieren begonnen hatte. Jenes Jahr, 1921, war ein wichtiges Jahr für den Regensburger Arbeitersport gewesen, aber auch für die ganze Arbeiterkultur in Regensburg. Zunächst konnte der »Freie Turn- und Sportverein« - so hatte sich die »Freie Turnerschaft« im selben Jahr umbenannt, sein 10jähriges Gründungsjubiläum feiern.


Bürgerlicher Sport und Arbeitersport:

»... Der Arbeitersport hat vielmehr im Grunde keinen anderen Zweck, als den, die großen gesundheitlichen Schäden auszugleichen, die den jungen und allen männlichen und weiblichen Arbeitern durch überlange Arbeitszeit in teilweise ungesunden Räumen, durch ungesunde Wohnungen und andere wirtschaftlich-soziale Missstände zugefügt werden. (...) Die neue Sportform will den ganzen Menschen erfassen, nicht aber nur einen oder einige bestimmte Muskeln. Sie will den Menschen ins Freie hinausbringen und ihm dazu verhelfen, allen seinen Organen die natürlichen Funktionen bis ins hohe Alter zu erhalten und die schwächeren Organe zu kräftigen bis sie ihren natürlichen Leistungsgrad erreicht haben. Die Rekordzüchterei des bürgerlichen Sports dient der nervlichen Überreizung und Sensation. Der Arbeitersport aber gehört mit zum Ausdruck des großen Kulturwillens des Proletariats, der Körperkultur im wahrsten und edelsten Sinn.«


Frauen und Arbeitersport:

Auch Frauen gehörten nach dem 1. Weltkrieg zum FTUS, der nun eine eigene Turnerinnenriege hatte. Die Förderung des Frauensports gehörte zu den Zielen der Arbeitersportbewegung - als gleichberechtigte Partnerinnen sollten die Frauen gemeinsam mit den Männern turnen können, und man bemühte sich um die politische und rechtliche Gleichstellung der weiblichen Mitglieder des ATB/ATSB. Bahnbrechend war der Arbeiterturnerbund dabei in der Frage der Sportkleidung. Noch um die Jahrhundertwende war es für Frauen üblich in langem Turnkleid und Korsett zu turnen. Als 1898 Arbeiterturnerinnen zum ersten Mal ohne Korsett und in Kniehosen turnten, erregten sie einen Skandal damit, und noch 1929 konnte der nationalsozialistische »Stürmer« sich über Arbeitersportlerinnen in kurzen Hosen und Hemden ereifern! Was die Frage der Sportarten für Frauen betraf, blieb jedoch auch der ATB/ATSB lange dem traditionellen Frauenbild verhaftet. Kraft- und Leistungssport, wie auch Fußball wurde als dem »weiblichen Wesen nicht gemäß« empfunden, so dass den Frauen zunächst nur Gymnastik, rhythmische oder Ausdrucksgymnastik, zur Förderung von Anmut und Grazie vorbehalten blieb. So traten auch im Regensburger FTUS bei öffentlichen Sportveranstaltungen und Festen die Frauen zunächst nur mit Vorführungen tänzerischer Gymnastik hervor, obwohl die Regensburger Arbeiterturnerinnen schon bald nach ihrer Gründung erfolgreich an regionalen und überregionalen Sportwettkämpfen teilnahmen.


Das Regensburger Arbeiter- Sport- und Bildungskartell:

Schließlich hatte sich der FTUS Regensburg Anfang 1921 auch an der Gründung des Arbeiter- Sport- und Bildungskartells in Regensburg beteiligt. Der Arbeitersport war ja von Anfang an nur ein Teil der allgemeinen Arbeiterkulturbewegung gewesen, zu der neben dem Sport, der Gesang, Theater, allgemeine Bildungsarbeit und vieles mehr gehörten. Auch in Regensburg schlossen sich die verschiedenen Arbeiterkulturvereine zusammen, die gemeinsam dieses Ziel - die umfassende körperliche und geistige Bildung der Arbeiter - verfolgten: Der FTUS Regensburg, die Turn- und Sportvereine Reinhausen und Lappersdorf, der Volkschor Regensburg, die Arbeitergesangsvereine Kelheim und Teublitz, die Rad­fahrervereine »Solidarität« Regensburg, Reinhausen, Sinzing und Schwandorf, die »Naturfreunde«, und die Wanderfalken Regensburg. In den folgenden Jahren traten dann auch der Freie Wassersportverein, die Sozialistische Arbeiterjugend, die Falken, der Arbeiter-Radiobund, die Esperantogruppe, die Volksbühne und der Arbeiterschachbund bei.


Feste:

Freundschaftsspiele, Sport- und Turnfeste auf lokaler und überregionaler Ebene waren wichtige Programmpunkte des Sportlerjahres, und stets waren diese Feste von einem Kulturprogramm begleitet. Oftmals trug z. B. der Regensburger Volkschor zum Festprogramm des allem jedoch der vereinseigene Spielmannszug. Jedes Jahr seit 1921 wurde auch in Regensburg der Reichsarbeitersporttag mit, großen Umzügen und Sportvorführungen begangen, die immer auch eine Gelegenheit boten, einer breiteren Öffentlichkeit die Aktivitäten des FTUS vorzuführen und neue Mitglieder zu werben. Sportfeste auf Bezirks-, Kreis-, Gau- und Bundesebene, an denen die Regensburger Arbeitersportler regelmäßig teilnahmen, sollten den Sportlern die Möglichkeit geben, über ihre unmittelbare Heimat hinaus Kontakte zu schließen, die Lebens- und Arbeitsbedingungen in anderen Städten kennen zu lernen, und das Gefühl der Gemeinschaft und der Solidarität der Arbeiter zu stärken. Für viele Arbeiter waren diese Fahrten zu auswärtigen Sportfesten überhaupt die einzige Form des Reisens, die sie kennen lernten, eine Vorform des Tourismus. Ein Höhepunkt für den Regensburger FTUS war das Jahr 1923, als das bayerische Turn- und Sportfest in Regensburg stattfinden sollte. Schon lange bevor das Fest am 23. Juli eröffnet wurde, liefen die Vorbereitungen an. Freiwillige Helfer wurden aufgerufen, sich jeden Abend an der Vergnügungsseite im Stadtpark und am Hochweg einzufinden, dort standen damals bis zur Schillerstrasse keine Häuser. Die Vereinigte SPD Regensburgs organisierte einen Arbeitsdienst: Jeder Parteigenosse wurde verpflichtet den Vorbereitungen für das Arbeitersportfest mindestens zwei Arbeitsstunden zu widmen. Arbeitskontrollzettel wurden auf dem Arbeitsplatz ausgegeben!
Die Sozialistische Jugend wurde beauftragt, die anreisenden Sportler in ihre Quartiere Privatunterkünfte und Massenquartiere - zu führen. Allen Teilnehmern sollten Fahrpreisermäßigungen und andere Vergünstigungen gewährt werden; um kein Chaos entstehen zu lassen, wurde eine strenge Festordnung erstellt. Der Ansturm der Teilnehmer übertraf alle Erwartungen: an die 6000 Sportler kamen nach Regensburg! Der Festzug am dritten Tag des Sportfestes war so groß, dass es zu Störungen des Straßenbahnverkehrs kam.
Zur Festfolge gehörten Ringerfreiübungen, die auf allen Arbeitersportfesten üblichen Massenfreiübungen, Schwimmveranstaltungen im alten Hafen, Propagandafußballspiele auf dem Jahnplatz und ein Stromschwimmen.
Schon 1925 konnte der Regensburger FTUS fünfzig Turner nach Frankfurt zur Arbeiter-Olympiade schicken, nachdem bereits im Jahr zuvor eine Reisekasse gebildet worden war, um den Turnern die Fahrt nach Frankfurt zu ermöglichen. Auch in Wien 1931 waren die Regensburger Turner aktiv vertreten, während sie, wie alle deutschen Arbeitersportler, von den Spielen, die 1937 in Antwerpen stattfanden, erst nach dem Ende des Krieges erfuhren - die Herrschaft des Nationalsozialismus in Deutschland hatte ihre Teilnahme natürlich unmöglich gemacht.


Arbeiterfußball und Sozialismus:

»Der Arbeiterfußball ist nicht wie in bürgerlichen Rekordsport- und unternehmerfreundlichen Werksportvereinen ein großes Mittel zur Ablenkung vom Klassenkampf, sondern eine der besten Möglichkeiten, die Jugend des Proletariats für den Sozialismus zu interessieren. Er fordert die für die moderne Arbeiterbewegung so wichtigen Faktoren: Tatkraft, Selbstbeherrschung, Disziplin und Solidaritätsempfinden. Mit dem Herausführen der Arbeitermassen aus den Bier­lokalen auf die Sport- und Spielplätze leistet der Arbeiter­fußball noch eine große Kulturtat. Die Auswertung der durch Partei und Gewerkschaft erkämpften Freizeit wird von ihm richtig erkannt und durch geführt. Er stellt den Arbeiter mit in den Mittelpunkt der Welt, um ihm soviel wie möglich Schönheit und Freuden zu setzen. Damit hat auch der Arbeiterfußball seine Bedeutung im proletarischen Befreiungskampf.«


Sport und Politik I:

Liest man die »Sportwacht« der 20er Jahre - eine wöchentliche Beilage der Regensburger Volkswacht« - so fallen einem die vielen grundsätzlichen Artikel zu Sinn und Zweck des Arbeitersports auf. Dies zeigt, dass man sich immer seiner Berechtigung als Sonderorganisation der Arbeiterbewegung neben Partei und Gewerkschaft versichern musste. Selbstbewusst bezeichnete man sich neben den genannten Großorganisationen und den Genossenschaften als 3. oder 4. Säule der Bewegung und war auch nicht verlegen, Gründe für die Berechtigung des Arbeitersports zu fin­den. Er sollte monotone und zerstörerische Arbeitsbe­dingungen ausgleichen, die Arbeiter durch das Freizeit­angebot und die gelungene Präsentation des Arbeiter­sports an die Bewegung und quasi als Transmissionsriemen auch an die Partei binden. Er war ebenso ein Mittel zur Frauenemanzipation wie eine Barriere gegen Werks­sportvereine der Firmen und die chauvinistischen und militaristischen Vereine der Deutschen Turnerschaft. Die durch den Sport freigesetzten Kräfte wie körperliche Tüchtigkeit und Selbstbewusstsein sollten demgemäß dem Fortschritt der Arbeiterklasse und nicht Kapitalis­mus und Militarismus dienen. Darüber hinaus sollte auch eine eigene Kultur (Kultur verstanden nicht nur als schöne Bilder und Musik, sondern eigene Lebensgestal­tung in allen Bereichen mit selbst gesteckten Zielen und Normen), eine Kultur der Solidarität und Humanität ge­fördert werden. Konsequenterweise ging man also z. B. in den eigenen Reihen gegen den aus bürgerlichen Ver­einen bekannten Star- und Rekordrummel vor. Diese Kultur sollte nicht nur im Sport, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen verwirklicht und organi­siert werden. Die Folge war, dass tatsächlich eine Art eigener »Kultur« entstand, die in Regionen mit einer einigermaßen ausgeprägten Arbeiterbewegung umfas­send und weitgehend autonom war. Ob einer gerne auf die Berge stieg (Naturfreunde) oder lieber Radio hörte (Arbeiter-Radio-Bund), FKK betrieb (Verband Volksge­sundheit) oder lieber Schach spielte (Arbeiter- Schach­ Bund), er konnte sicher sein, eine Organisation zu fin­den, in der er seinen Interessen mit Gleichgesinnten nachgehen konnte. Wenn ein Verein oder die Partei ein Fest veranstalteten, stellte das Trommler- und Pfeiferkorps des Sportvereins die Musik für den Festzug, der Arbeiter-Samariter-Bund sorgte für die medizinische Be­treuung, der Volkschor für den musikalisch-kulturellen Teil. usf. Man konnte und wollte unter sich bleiben, grenzte sich so vom Bürgertum ab, stärkte sein eigenes Bewusstsein und hatte konkrete Möglichkeiten, Solidarität zu üben und zu erfahren.
In den 20er Jahren unterstützten sich z. B. die einzelnen Vereine und Organisationen der Bewegung, indem sie konzentriert in Kampagnen für die Stärkung des ASB oder der »Volkswacht« warben.
Einen Aufschwung erhielt diese Bewegung überall dort, wo sie ein lokales Zentrum, einen Ort, wo sich alle Stränge organisatorisch zusammenfassen ließen, bekam. In Regensburg war dies das Volkshaus »Paradiesgarten«. Gegen 30 Pfennig Eintritt konnte man es am 1. Mai 1926 (Eröffnungstag) besichtigen. Die gleichzeitig errichtete Wirtschaft in diesem Haus hatte aber immer mit der Konkurrenz der angestammten Arbeiterkneipen zu kämpfen. Am Rande bemerkt, aber für viele oft die bedeutsamste Erinnerung: Einer dieser vielen Vereine war sehr oft der Ort, wo zum Trotz aller »sittlichen« Keifereien der Mucker, Bürger und Klerikalen - der Opa die Oma kennen lernte.
Solidarität wurde dabei auf allen Ebenen und in vielen Formen sichtbar, bei gemeinsamem »Arbeitsdienst« am Sportplatz, bei Sammlungen für die Bundesschule des ATSB in Leipzig oder bei Geschenksammlungen für die jährliche Weihnachtsfeier. Es war eine Ehrenpflicht, im Juli 1926 zur Einweihung des Sportplatzes des Arbeitersportvereines Ponholz bis Regenstauf mit dem Zug zu fahren, und von dort bis Ponholz wegen Geldmangel zu gehen. Nebenbei: Der FTUS gewann dort gegen die Kombination Teublitz/Burglengenfeld ein Fußballspiel 3:0.
Man fuhr zu Sportfesten nach Straubing, München, Schwandorf, Zwiesel, Nürnberg, Burglengenfeld, Coburg usw. zum Teil auf Lastwagen oder auch mit dem Fahrrad, aber auch bis Leipzig.
Die internationale Solidarität, das Wissen und die Förderung des Wissens, dass ein deutscher Arbeiter mit einem französischen Kollegen mehr gemeinsame Interessen hat als mit seinem deutschen Boss, wurde bei den Arbeiterolympiaden gepflegt. 1925 in Frankfurt, 1931 in Wien und 1937 in Antwerpen. 1937 aber war die deutsche Arbeiterbewegung bereits zerschlagen. Medaillen gab es bei diesen Olympiaden nicht. Nicht immer aber waren die Dienste des Arbeitersports der Partei willkommen. Man fürchtete lange, der Sport würde vom politischen Kampf ablenken und die Kräfte der Bewegung verzetteln. Erst 1908 rang man sich von Seiten der SPD dazu durch, für den ATSB eine Empfehlung auszusprechen. Auch nach der Weimarer Zeit hatten die Sportler mehrmals mit den eigenen Genossen zu streiten.


Sport und Politik II:

1926 verwahrte sich der Arbeitersport dagegen, dass das als politisch zu neutral eingeschätzte »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold« (ein republikanischer Schutzbund, der vorwiegend von SPD- lern bzw.. Arbeitersportlern getragen wurde) eigene Sportabteilungen eröffnen wollte. Ähnliches erlebte man ein Jahr später als die Sozialistische Arbeiterjugend und die freie Gewerkschaftsjugend korporativ in die Ortskartelle des ATSB eintreten wollten, um sich also als Sportvereine neben den bereits bestehenden zu geben, ohne faktisch einer zu sein.
Andererseits griff man aber von Seiten der politischen Bewegung sehr gerne auf die Kräfte des Arbeitersports zurück; für den 1. Mai oder für die Revolutionsfeiern, wie zur Gewinnung von Abonnenten für die »Volkswacht« mobilisierte man gerne und vorzugsweise unter den Arbeitersportlern. Am deutlichsten wurde der Zusammenhang zwischen Sport und Politik, als der Bundestag des ATSB im November 1926 die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Vereinen strikt ablehnte und es jedem Arbeitersportler und jeder Arbeitersportlerin über 18 zur Pflicht machte, sich einer der Arbeiterparteien und einer freien Gewerkschaft anzuschließen.
Der Arbeitersport wurde folgerichtig auch in den Kampf zwischen SPD und KPD hineingezogen, es kam vor allem ab 1928 zur Abspaltung oder zum Ausschluss ganzer Vereine, deren Mitglieder mehrheitlich bei der KPD waren.
Anhänger der KPD unter den Arbeitersportlern sammelten sich im »Rotsport«. Der Arbeitersport war aber auch einer der Organisationszweige, der zumindest ansatzweise versuchte, diese Trennung zu überwinden.

Berühmt und beliebt waren in diesem Zusammenhang die »Russenspiele«: Auswahlmannschaften des ATUS traten dabei gegen eine sowjetische Elf an. Ein weiteres Mal rückte der Arbeitersport in das Zentrum der Politik, als die Weimarer Republik in ihre Endphase trat. Die Arbeitersportler stellten die entscheidende Schwungmasse für die republikanischen Schutzbünde »Eiserne Front« und »Reichsbanner - Schwarz-Rot-Gold«. Man sah sehr deutlich: »Die Arbeitersportler Deutschlands stehen und fallen mit der Eisernen Front« (Volkswacht, 1932 II. 26.)
In den letzten Monaten der Republik, als von rechts mit Notverordnungen und ohne Parlament regiert wurde, erlaubte man zwar Umzüge der Vereine der Deutschen Turnerschaft, die dann als Dankeschön dafür den Rechtsparteien ihre Sportplätze für Kundgebungen zur Verfügungen stellten, ja sogar Sportfeste der SA und SS, verbot aber wegen des politischen Charakters die der Arbeitersportvereine.
Man sah von rechts ziemlich klar die politische Bedeutung des Arbeitersports, und dementsprechend waren die Angriffe von Klerus und Bourgeoisie gegen ihn wesentlich giftiger und polemischer als gegen Partei und Gewerkschaft; dementsprechend brutal und konsequent war auch die Zerstörung der gesamten Arbeiterkulturbewegung - trotz vereinzelter Anbiederungen einzelner Vereine, die auch bei einer Feierstunde nicht verschwiegen werden sollten.


Behinderungen und Schikanen für Arbeitersportler:

Die »Zwanziger Jahre« waren geprägt von periodischen wirtschaftlichen Depressionen, welche sich zwangsläufig auf das Vereinsleben auswirkten. Die Situation der Arbeiter war oft katastrophal (Arbeitslosigkeit), und deshalb war es vielen zeitweise nicht möglich, aktiv am Vereinsleben teilzunehmen. Ein Hinweis darauf ist, dass am Jugendwandertag im August 1926 die Verpflegung vom Verein gestellt würde. Arbeitersportvereine sahen es als ihre Aufgabe an, arbeitslose Mitglieder zu unterstützen. Neben den wirtschaftlichen Problemen hatten die Arbeiter-Sportvereine auch mit der Konkurrenz der bürgerlichen und Werksportvereine zu kämpfen. Diese erhielten aus durchsichtigen politischen Gründen direkte Zuschüsse der Industrie und eröffneten sich auch die Möglichkeit für Werbeeinnahmen, was von der Arbeitersportbewegung abgelehnt würde. So würden etwa Fußballspieler gekauft, Konzerne bezahlten Verbandstrainer und ganze Radrennvereine führten Reklame für Fahrradmarken. Diese Mittel würden dann gezielt eingesetzt, um den Arbeitersportvereinen Mitglieder abspenstig zu machen. Die »Volkswacht« berichtet im Februar 1927, dass die bürgerlichen Vereine verabredeten, verstärkt Arbeitersportler an sich zu ziehen und sich gegenseitig keine Mitglieder mehr abzuwerben.
Auch der Staat setzte den Arbeiter-Sport-Vereinen zu. Das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus (Kultusminister, Dr. Matt) erließ am 30. 10. 1924 als Folge des Konkordats von 1923 eine Entschließung über die Beteiligungen von Schulen, Volksschulen und Berufsfortbildungsschulen an Vereinen. Die Auslegungen der Anwendung dieser Entschließung blieb den Bezirksämtern, Bezirks- und Lokalschulbehörden vorbehalten. Die Auswirkungen machten sich schnell bemerkbar: die Bezirksämter wetteiferten mit den Schulbehörden in der Erteilung von Turnverboten für Kinder im schulpflichtigen Alter gegenüber den Arbeiter- Turn- und Sportvereinen. Die Volkswacht berichtete am 12. 12. 1927: » ... Lehrer und Schulschwestern arbeiten mit den Bezirksbehörden und mit der Deutschen Turnerschaft Hand in Hand. Die Schwestern schrecken sogar nicht vor Misshandlungen der Arbeiter-Turner- und Sportlerjugend zurück. Nach jeder Turnstunde werden Prügel ausgeteilt, und alles darum, weil die Kinder in Arbeiterturnvereinen turnen und spielen. (Lehrer und Schulschwestern) empfehlen aber den Eintritt in die Deutsche Turnerschaft.«
Am 5. März 1926 berichtete die Volkswacht, dass die Polizei sich nicht scheute, in Überwachung dieser Entschließung gegen Schulkinder vorzugehen.


Körperliche Erziehung der Jugend:

»Nach dem beispiellosen Aderlass am Volkskörper, den der Krieg im Gefolge gehabt hat, bedarf es der Anpassung aller Kräfte, um die Volksgesundheit vor dem Verfall zu schützen. In dieser Notlage hat man auch den Wert der Leibesübungen wieder entdeckt und sich bemüht, sie dem Lehrplan der Volksschule besser einzugliedern und auch in der Fortbildungsschule einzuführen. Der Schulunterricht in den Leibesübungen kann aber auch bei bester Ausgestaltung nicht die Arbeit der Turn- und Sportvereine ersetzen, er wird in der Hauptsache stets Unterricht sein, aber nie ein wirklicher Betrieb. Deshalb müssen die Turn- und Sportvereine auch in Zukunft um die Jugend werben, um mit ihr gemeinsam an der Gesundung zu arbeiten. Die Arbeiterturnvereine wenden sich deshalb an die Elternschaft und an die Jugend selbst mit der Bitte um Unterstützung. Mehr denn je muss die Arbeiterschaft darum besorgt sein, dass ihre Jugend nicht in die bürgerlichen Vereine geht, wo sie auch heute noch im Sinne des alten Obrigkeitsstaates erzogen wird. Die Arbeiterjugend gehört in die Arbeitersportvereine, dort wird sie im Geiste der Neuzeit erzogen zu frei denkenden Männern und Frauen.«

(Neue Donau-Post, 1920)


Schickt die Kinder in die Arbeiter- Turn- und Sportvereine!

An alle Arbeitersportler! An die proletarische Jugend!
»Immer höher schlagen die Wogen der reaktionären Bewegung. Immer frecher erhebt die Konterrevolution ihr Haupt. Es mehren sich die Zeichen, dass die Monarchisten und Nationalisten aller Schattierungen ihre Zeit für gekommen halten. Die dem deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen angeschlossenen bürgerlichen Sportverbände sind erwiesenermaßen Hochburgen all dieser Bestrebungen. Arbeitersportler, denkt an die patriotischen Sportfeste der bürgerlichen Vereine, an die Hurra-Regimentsfeiern, welche sich immer als monarchistischer Rummel entpuppen.
Arbeitersportler, an euch liegt es zu zeigen, dass ihr diesen Machtnationen nicht tatenlos zuseht!«

(Regensburger Volkswacht, am 27. September 1922)


Das Jahr 1933:

Noch vor der Zerschlagung der Gewerkschaften und der SPD durch die Nazis im Mai bzw. Juni 1933, wurde zunächst am 25. März 1933 die Bundesschule des ATSB in Leipzig besetzt und sein Vermögen beschlagnahmt und auch der Arbeiterturnverlag geschlossen. Einen Monat später, am 30. April, wurde der Bund dann offiziell verboten und die Bundeszentrale aufgelöst. Das Ende des Regensburger FTUS bahnte sich an, als am 15. März 1933 eine Verordnung des Bayerischen Staatskommissars des Innern, Adolf Wagner gegen die »Sozialistische Arbeiterjugend und ihre Nebenorganisationen« beim Regensburger Stadtrat eintraf. Schon eine Woche später musste Georg Herold, Vorstand des FTUS, die Kündigung des Pachtvertrages für das Gelände an der Schillerwiese bestätigen, die ihm der Regensburger Stadtrat zugestellt hatte. Die mühevolle Arbeit eines Jahres war damit zunichte gemacht worden - erst im Jahr zuvor hatten die Mitglieder des FTUS mit viel selbstlosem Engagement ihre Sportanlage erheblich ausgebaut, die sie nun, ohne sie je benutzt zu haben, wieder hergeben mussten.
Vereinshaus und Umzäunung des FTUS schienen dabei zunächst gerettet zu sein, denn Otto Schottenheim, seit 20. März 1933 kommissarischer 1. Bürgermeister Regensburgs, wollte die gesamte Sportanlage der Hitlerjugend zugänglich machen. Die Hitlerjugend benutzte das ehemalige Vereinsgelände des FTUS zwar tatsächlich in den folgenden Jahren, aber ohne die dort befindlichen Baulichkeiten, da diese später für den Aufbau des benachbarten Freibades verwendet wurden.
Schließlich wurde der FTUS wie auch die anderen Regensburger Arbeiterkulturorganisationen verboten, und sein restliches Vereinsvermögen beschlagnahmt. Mehrere Vereinsmitglieder wurden zeitweilig verhaftet, Oberturnwart Jakob Deubler, Karl Esser, Josef Rot­hammer, Franz Kobl und einige mehr kamen sogar eine zeitlang ins Konzentrationslager. Später wurde Hans Weber, Alfons Beyerer, Franz Höhne ein Prozess beim Oberlandesgericht München gemacht und sie zu langjäh­rigen Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt. Auch während der Zeit der Nazi-Diktatur hatten die ehemaligen Arbeitersportler des FTUS Kontakt miteinander. Zum Teil waren sie nach der gewaltsamen Auflösung ihres Vereins in anderen Sportvereinen untergekommen; viele von ihnen im Eisenbahn-Sportverein ESV 27, denn viele Mitglieder waren Eisenbahner.


Wiedergründung nach 1945:

Nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur kam es nicht zum Wiederaufbau der Arbeitersportorganisation. Auf der Sportkonferenz der SPD in Frankfurt im September 1946 entschieden sich die dort anwesenden ehemaligen Arbeitersportler dagegen, denn nur in einer Volkssportbewegung, die bürgerliche und Arbeitersportler vereinte, hoffte man die Basis der SPD auch auf diesem Wege zu erweitern, und Anhänger auch außerhalb der Industriearbeiterschaft zu gewinnen. Nicht überall fügte man sich dem SPD-Beschluss: Arbeitersamariter, Naturfreude und der Arbeiterradfahrerbund »Solidarität« gründeten sich auch nach 1945 wieder neu. An die Stelle des ATSB jedoch, trat der Deutsche Sportbund (DSB) als Einheitssportorganisation. Als Mitglied des 1945 in München gegründeten Bayerischen Landessportverbands wurde 1946 der FTUS Regensburg wiedergegründet. Im Januar trafen sich unter dem alten Vorstand Georg Herold 40 ehemalige Mitglieder, um die Wiedergründung des Vereins vorzubereiten. Wie 35 Jahre zuvor fand auch die Neugründung am 15. Februar 1946 wieder im alten Vereinslokal, im Thomaskeller statt! Es dauerte dann zwar noch einige Jahre, bis der FTUS die Frage der Wiedergutmachung, die dem Verein für das 1933 beschlagnahmte Vermögen zustand, und die des Sportplatzes geregelt werden konnte, doch schon bald herrschte wieder reger Turnbetrieb beim FTUS Regensburg.
 

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